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Gedanken zum Reenactment im musealen Bereich

Das sklavisch genaue und wiederholte abarbeiten bestimmter Funde oder Realien führt nicht zwangsläufig zu einem besseren Verständnis des mittelalterlichen Lebens des Besuchers, sondern zeigt nur die bereits vorhandenen Realien in einem nicht realen Kontext auf. Man nehme einen Knopffund aus England, ein Textilfragment aus Norwegen, dazu Keramik aus Niederösterreich und eine Schnalle aus Ungarn. Zusammen ergibt es eine kuriose Mischung aus Zufallsfunden mit dem Anspruch der Authentizität.

Daher sollte gerade bei Veranstaltungen im musealen Bereich der Fokus auf das Leben des Menschen im Mittelalter gelegt werden und nicht nur auf das zeigen toter Materie beschränkt sein. Die gesellschaftlichen Komponenten die das Leben im Mittelalter bewegen sind vielfältig. Besonders wichtig ist die Religion und die daraus abgeleiteten Normen für das Leben mit- und untereinander. Berichte von Zeitzeugen geben uns einen guten Aufschluss darüber, wie das Denken und Handeln der Menschen die zu dieser Zeit lebten, war.

Sehr viel über das mittelalterliche Leben können wir aus verschiedenen Predigten erfahren, die sozusagen als Richtlinien für das gute, gottgefällige Leben betrachtet werden können und ein moralisches Gerüst für den Menschen bilden.

Auffallend bei diesen Berichten sind die immer wiederkehrenden Schilderungen einer sehr fröhlichen und ausgelassenen Gesellschaft. Wilde Feste mit reichlich Alkoholgenuss, Tanz, Musik und Spiel standen, wenn wir uns jetzt auf Wien beziehen,sehr oft auf der Tagesordnung. Studenten, die einenrecht großem Anteil der Wiener Bevölkerung einnahmen, waren für diesen Zeitvertreib sehr empfänglich, Raufhandel und ausufernde Trinkgelage waren keine Seltenheit, sodaß der wiener Dominikaner Franz von Retz (1388-1424) sich Sorgen um deren Lehrnerfolge machte. Aber auch die Wiener waren dieser Unterhaltung und Zeitvertreib sehr zugetan. Er kritisierte aber auch den Kleiderluxus und die Unmäßigkeit bei Speis und Trank betrieben durch die höheren Geistlichkeit und den Adel.

Interessant sind z.B. Auch Passagen  des Predigers Nikolaus von Dinkelsbühl ( gest. 1433 wien), der unter Anderem erwähnte, dass Hausfrauen einem Nebenerwerb nachgehen konnten, sofern sie ihren Haushalt nicht vernachlässigen würden. Überhaupt war die berufstätige Frau im späten Mittelalter keine Seltenheit, wie zahlreiche namentliche Erwähnungen in den Handwerks- und Künstlerlisten zeigen.

Andere Predigen zeigen auch die Treue und Untreue beim Verkauf auf, der Wienbezug findet sich hier beim unredlichen Weinausschank und auch bei andere Betrügereien im Verkauf von schlechter und minderwertiger Ware.

Lehrreich sind auch seine Ausführungen in der Predigt „Vom Überfluß und der Notdurft“, wo er genau definiert, ab wann ein Mensch dem Luxus fröhnt, da jeder im Bezug auf seine gesellschaftliche Stellung auch ein anderen Aufwand bezüglich seiner Kleidung oder seiner Haushaltsführung hat. Das heisst jeder Mensch ist es seinem gesellschaftlichen Stand schuldig, sei er Herzog oder Handwerker, wie er sich zu kleiden und zu geben hat. Er verwendet in diesem Zusammenhang die Begrifflichkeit „Ehrbarkeit“. Diese wird aber nicht durch Besitz definiert, sondern auch  durch Tugend und Taten eines jeden Einzelnen. Die Almosenspende gehört zum Beispiel zu diesen guten Taten.

Es sind Schriftliche Zeugnisse wie diese, die einen kleinen Einblick in die Welt des mittelalterlichen Menschen geben und die im guten Reenactment auf keinen Fall außer Acht gelassen werden dürfen, auch wenn der Aufwand des Quellenstudiums sehr hoch sein mag.


Verwendete Literatur:

Das Leben in der Stadt des Spätmittelalters, Internationaler Kongress in Krems an der Donau 1976 und Wien 1977

Materielle Kultur und religiöse Stiftung im Spätmittelalter, Internationales Round Table Gespräch Krems an der Donau 1988, Wien 1990

Alltag und Fortschritt im Mittelalter, Internationales Round Table Gespräch Krems an der Donau 1984, Wien 1986

 

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