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Rechte und Pflichten der Büchsmeister

Artikelbrief des Kaiser Friedrich III an die gesamte deutsche und österreichische Arkelley aus dem Jahre 1444 über deren Privilegien (Freyheiten und Gerechtigkeiten für al Zeyt)

Er ist unterschrieben: Von Gottes Gnaden, Friedrich III. Erzherzog von Österreich, Römisch kaiserliche Majestät, alle Zeit Mehrer des Reichs.

  1. Erstlichen, wenn ein Statt oder Festung mit Stürmender Handt gewonnen und erobert wird, so soll der Büchsenmeister Monat auss und widerumbs angehen.
  2. Dem Büchsenmeister werden je nach der Größe des Stückes zwei, drei bis vier Handlanger unterhalten, welche aber ohne Vorwissen des Zeugmeisters nicht aufgenommen werden dürften.
  3. Für jedes Vergehen oder Verbrechen, welches ein der Artillerie Angehöriger verübt, darf er weder vom Feldprofoss, noch von dessen Steckenknechten, sondern nur von seinen eigenen Vorgesetzten gerichtet werden.
  4. Wenn ein Fußknecht oder Reisiger, von dem Profossen oder dessen Leuten verfolgt, bei der Artillerie Zuflucht suchte und, ein Geschützrohr mit der nackten Hand berührend, den Büchsenmeister um Schutz anrief, so hatte er drei Tage Asylrecht bei der Artillerie, welche aber dafür haftete, dass er nicht flüchtig werde.
  5. Wenn einem Büchsenmeister ein ihm vorher unbekanntes Geschütz übergeben wurde, so hatte er drei Schüsse frei, um es kennen zu lernen. Gingen diese Schüsse fehl, so durfte die Obrigkeit den Schützen dafür nicht verantwortlich machen.
  6. Die Weiber, Kinder und das Gefolge des Büchsenmeister brauchte nicht dem grossen Trosse zu gehen, sondern hatte die Erlaubnis, auf den Munitions- und Kugelwagen und sonstigen Artillerie-Fahrzeugen fortgebracht zu werden.
  7. Wenn Proviant und Fourage zur Verteilung kam, wobei eine gewisse Reihenfolge eingehalten wurde, brauchte der Büchsenmeister sich nicht in die Reihe zu stellen, sondern musste, wenn er mit der Zündruthe in der Hand erschien, zuerst abgefertigt werden. Ebenso hatte er oder dessen Weib das Marketender-Schank- oder Auskocherrecht in den Lagern der Arkelley.
  8. Von jeder in Feindesland mit dem Herrn betretene Stradt, Dort oder Flecken, gehören der Arkelley alle Glocken, doch mussten sie dieselben, falls es gewünscht wurde, dem Heere oder dessen Führer gegen eine entsprechende Ablösung überlassen.
  9. Bei der Einnahme einer Stadt oder Festung nach einer Belagerung gehörten den Büchsenmeistern gleichfalls alle Glocken, aber auch die ganze Ausrüstung, die zur Zeit der Besitzergreifung der Stadt noch in den Zeughäusern lag; ferner das größte Stück am Walle, die vorbereiteten Ladungen aller anderen Geschütze und alle eingeschlagenen Pulverfässer.
    Dasselbe gilt auch nach einer gewonnenen Feldschlacht oder nach abgewiesener Belagerung bezüglich des am Wahlplatz gebliebene Artillerie-Materials.

Diese Artikel wurden von allen nachfolgenden Kaisern wiederholt bestätigt, teilweise geändert oder vermehrt und hatten noch anfangs des 18. Jahrhunderts ihre Gültigkeit.

Diesen Rechten gegenüber hatten die Angehörigen der Artillerie anderseits gewisse Verbindlichkeiten und Pflichten zu erfüllen, welche später gleichfalls zusammengeschreiben und zu einer Art Reglement zusammengestellt wurden:

  1. Der gesamten Artillerie wird ein Feldzeugmeister vorgesetzt. Zu dessen Stab gehören ein Zeugslieutnant und mehrere Zeugsdiener und Werkmeister. Ein Feld- oder Musterschreiben, ein Dolmetsch, ferner ein Profoss mit seinen Gehilfen. Mehrere Büchsenmeister unterstehen ihrem Altmeister oder Capo.

    Alle Morgen, sei es in der Festung oder im freien Felde, haben sich Alle vor dem Zeughause oder beim Geschützpark mit ihren Zündruthen dem Zeugmeister zum Apell zu stellen um Befehle für den Tag zu empfangen.
  2. Gotteslästern war strenge verpönt, der Büchsenmeister musste sich eines bescheidenen und ernsten Betragens befleissigen.
  3. Ehebruch bei verheirateten und unsittlicher Lebenswandel bei ledigen Mitgliedern der Artillerie wurde vom Zeugmeister scharf geahndet und bedingte bisweilen die Ausschließung von der Gilde.
  4. Dem Büchsenmeister soll das ihm anvertraute Stück so heilig wie sein eigen Leib sein. Jede Beschädigung desselben, sowie eine Veruntreuung der Munition zog Geld- oder Leibesstrafe nach sich.
  5. Der Büchsenmeister musste bei seinen Stücken lagern, und es war ihm verboten wo anders zu wohnen, auch war strenge Strafe für jene gesetzt, die ohne Erlaubnis sich unterfingen „zu eygener Futterung und Beut“ zu gehen.
  6. Leibstrafe erwirkte ein dem Grade Trunkener, dass er sein Amt nicht verrichten konnte.
  7. Ohne Vorwissen seines eigenen Vorgesetzten durfte der Büchsenmeister das Feuer nicht beginnen, so sehr auch andere Hauptleute dazu drängen mochten. Die auf solche Aufforderung abgegebenen Schüsse gingen auf Rechnung des Büchsenmeisters, der obendrein noch Strafe erhielt.
  8. Bei Stürmen oder feindlichen Angriffen durfte er sein Geschütz nicht verlassen, sondern musste mit der Zündruthe in der Hand so lange ausharren, als ein Vorgesetzter befahl.

    Bei gelungenen Affairen, wenn das andere Volk Beute machen ging, musste er beim Geschütz kampfbereit bleiben; der im zufallende Beuteanteil war ohnehin gesichert.
  9. Rangstreit und Überhebung der Büchsenmeister untereinander war verboten, vielmehr gefordert, dass zum Nutzen des Kriegsherrn und „damit das Stück nicht springe“ einer dem anderen, aber nicht anderen Leuten, seine Erfahrungen mitteilen möge.
  10. Endlich wird Frömmigkeit und Gottesfurcht dem Büchsenmeister besonders empfohlen, da das Geschütz auch sein Feind ist (wegen Zerspringen etc.) und er daher immer in dreifacher Sorge leben muss.  Große Vorsicht wird ihm allezeit empfohlen, denn seine Arbeit sei gefährlich. Vor Jähzorn habe er sich zu hüten „das Pulver füllet gerne die Leber.“
  11. Schließlich wird noch die Kenntnis des Lesens und Schreibens, sowie die Kunst gefordert: „zahmes und allerlei wildes Feuerwerk zu ordinieren.




Literatur: Anton Dolleczek; Geschichte der österreichischen Artillerie, Seite 59-62; Wien 1887

 

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